Was ist Heimat für mich?

Zahra Mohammadzadeh

Zahra Mohammadzadeh

Heimat bedeutet für mich zu allererst Erinnerung an meine Kindheit und Jugend. Heimat ist ein ganzes Bündel solcher Erinnerungen: an Orte, an Menschen, an Situationen, an den Geschmack einer Lieblingsspeise oder den Duft eines Baumes im Garten meiner Tante, unter dem ich immer spielte. Dann ist Heimat so etwas wie ein innerer Raum der Besinnung, der Geborgenheit.

Heimat ist ein wesentlicher Teil der Identität! Warum ist das so? Weil Heimat eine Vertrauenswelt darstellt. Dort finde ich mich zurecht, ich bin dort aufgewachsen. Heimat wird einem in die Wiege gelegt. Es ist wie eine Art Urvertrauen, das kleine Kinder auch gegenüber Erwachsenen empfinden. Das Gefühl spontaner Zugehörigkeit. Hier gehört man hin, egal wie man ist, egal ob man auch mal etwas falsch macht, man gehört trotzdem dazu. Mit der Heimat kann man sich auch auseinandersetzen, ohne Angst, ausgegrenzt zu werden. Man kann sie scharf kritisieren, man bleibt akzeptiert. Ausgrenzung und Verfolgung gehen immer von dem politischen Regime aus,

Auch wenn die Heimat einen ungerecht behandelt, bleibt sie die Heimat. So geht es heute jungen Menschen, die hier in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, ihre Freundinnen und Freunde hier haben. Wenn sie wegen irgendwelcher bürokratischen Vorschriften abgeschoben werden sollen, wehren sie sich mit Händen und Füßen. Warum? Weil das hier ihre Heimat ist. Hier fühlen sie sich zu Hause, nicht im Geburtsland ihrer Großeltern. Sie werden immer hierher zurückkehren wollen.

Sicher, ein Zuhause kann ich mir auch woanders suchen. Aber das fällt nicht vom Himmel, das muss ich mir erarbeiten. Ich muss die Sprache lernen, ich muss mit dem Essen, mit dem Wetter und mit den alltäglichen Verhaltensweisen des Umfeldes klar kommen. Ich muss die Regeln kennen und verinnerlichen. Ich muss mir das neue Zuhause im wahrsten Sinne des Wortes er-leben, manchmal sogar erstreiten. Die Bremer Stadtmusikanten sind das beste Beispiel dafür. Etwas Besseres als den Tod finden wir überall, haben sie sich gesagt. Das wollen wir doch alle: etwas Besseres als den Tod. Heimat brauchen wir dafür wie das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf. Sie ist ein Lebensbedürfnis. Diesem Bedürfnis müssen wir uns stellen, ob wir uns nun auf eine verlorene, eine neu gefundene oder eine nie in Frage gestellte Heimat beziehen.

Dieser Text ist im Rahmen einer Ausstellung im Kulturzentrum Westend erschienen. Dieser und andere Texte könnt Ihr euch vom 5.11 bis zum 12.12.2010 im Westend anschauen.

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